Grenzen setzen.

Oder: Überwinden der Grenzen in unserem Kopf?

Es gibt ganz unterschiedliche Ansätze in der Hundeerziehung. Manche machen „was sie schon immer gemacht haben“ und erziehen Hunde auch heute noch mit „Korrektur“ und „Strafe“, andere gehen mit der Zeit. In den letzten Jahren hat sich viel getan: im Rahmen von wissenschaftlichen Forschungsprojekten wurden neue Erkenntnisse über Hunde und deren Verhalten gewonnen.* Damit Schritt zu halten ist durchaus eine  Herausforderung. Und das gewonnen Wissen anzuwenden, ebenfalls. Aber machbar.
Immer mehr Hundefreunde entscheiden sich bewusst dazu, diese neuen wissenschaftliche Erkenntnisse im Umgang mit dem Hund zu berücksichtigen. Zum Wohle unserer vierbeinigen Begleiter. Deshalb möchten wir mit unserer Aktion „Happy Rosenheim Dogs“ einen Einblick in diese (nicht mal ganz so) neue Art des Umgangs mit dem Hund geben.

Hundetraining früher und heute
Früher hat man zum Beispiel das „Sitz“ noch mit Zwang (z.B. Herunterdrücken des Hundepo´s) trainiert. Heute ist es fast selbstverständlich, neue Signale über „positive Verstärkung“ aufzubauen. Das heißt, das gewünschte Verhalten wird mit Hilfe eines zuvor konditionierten Markersignals  „eingefangen“ oder auf freundliche Art angeregt und belohnt. Dadurch wird der Hund das Verhalten mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder ausführen. Wird das Verhalten zuverlässig gezeigt, verwendet der Mensch unmittelbar vorher ein Signal (Wort oder Geste) seiner Wahl. Nach einigen Wiederholungen mit gutem Belohnungstiming verknüpft der Hund das Verhalten mit dem Signal. Es kann nun abgefragt werden, wird variabel belohnt und deshalb zukünftig immer freudiger vom Hund ausgeführt. Der Hund hat gelernt. Beide – Mensch und Hund – hatten Spass und sind zufrieden.*

Was aber, wenn der Hund Dinge macht, die sein Mensch nicht möchte?
Wie geht man mit diesem „unerwünschten Verhalten“ um, das natürlich jeder Hund mehr oder weniger ausgeprägt zeigt? Hunde „sehen“ die Welt anders, haben teilweise andere Bedürfnisse als wir.  Und genau an diesem Punkt scheiden sich nach wie vor die Geister: die einen bestrafen ihren Hund für das, was sie „Fehlverhalten“ nennen, die anderen „korrigieren“ ihn … was lerntheoretisch gesehen das gleiche ist ;-).  Manche vermeiden einfach Situationen, in denen ihr Hund sich aus ihrer Sicht „daneben benimmt“. Und wieder andere gehen schon seit einiger Zeit neue Wege, die ohne Strafe, Korrektur, bedrohliche Gesten und laute Worte auskommen …

Geht das – „Grenzen setzen“ ohne Strafe bzw. „Korrektur“?
Ja. Das geht, wie etliche Beispiele auch bei sehr verhaltensauffälligen Tieren zeigen. Denn diese „neuen Wege“, sind gar nicht so neu. Sie werden weltweit von den besten Trainern (z.B. Karen Pryor) oder in Deutschland von der Verhaltensbiologin Dr. Ute Blaschke-Berthold (cumcane), bereits seit langer Zeit gelebt.*

Ich konnte mir vor ein paar Jahren auch noch nicht vorstellen, wie mir Clicker/Markerwort in Kombination mit Futter oder anderen Belohnungen bei unerwünschtem Verhalten meines Hundes helfen sollen. „Wie soll ich damit meinen Hund abhalten, Menschen anzuspringen, einen anderen Hund anzubellen oder die Essensreste in der Spülmaschine auszulecken?“ … fragte ich mich.

Jetzt… nach so einigen Trainingsstunden und Seminaren bei Trainern, die sich für diesen Weg entschieden haben weiß ich: es geht. Man braucht nicht einmal  „verbale Korrektur“ in  Form eines lauten „Nein“… auch wenn es mir manchmal noch ungewollt herausrutscht. Das Muster „Zuckerbrot und Peitsche“, das die meisten von uns selbst erfahren haben, steckt so sehr in uns drin, dass es nicht immer einfach ist, umzudenken. Aber es ist möglich.

Man muss nur eine Entscheidung treffen.
Und zwar die Entscheidung, zukünftig auf den bewussten Einsatz von Korrektur und Strafe zu verzichten.  Das beinhaltet auch körperliches Bedrängen und verbale Einschüchterung. Denn „ein bisschen positiv“ – das funktioniert nicht. Verlässlichkeit und Authentizität sind die Grundlage für emotional positives Training. Und noch drei Dinge brauchen wir: 
Empathie … da man nicht davon ausgehen darf, dass der Hund sich von selbst so verhält, wie Mensch es sich wünscht. Man akzeptiert und ist sich bewusst darüber, dass Hunde anders sind, andere Bedürfnisse haben als wir und die Welt mit anderen Sinnen wahrnehmen.
Den Blick für das Positive … da wir uns ab jetzt auf erwünschtes Verhalten konzentrieren, das vor dem unerwünschten Verhalten immer gezeigt wird. Wenn auch nur ganz kurz. (und diesen Punkt können wir mit dem Markersignal gut „erwischen“.)
Kreativität … da wir nach Verhaltensalternativen suchen und mit dem Hund vorab erarbeiten, die möglichst alle Bedürfnisse berücksichtigen. Die des Hundes und unsere.

Die Grenzen im Kopf überwinden.
Umdenken lohnt sich. Auch für uns selbst. Es tut tatsächlich auch uns gut, auf eine freundliche und bedürfnisorientierte Art mit dem Hund umzugehen. Es schafft die Basis für Vertrauen und Respekt. Auf beiden Seiten. Und damit auch eine vollkommen neue Beziehungsqualität zu unserem „besten Freund“, wie ich selbst in den letzten Jahren erfahren durfte.  Alles was man braucht, ist ein bisschen Mut, sich auf neue Denk- und Lernkonzepte einzulassen. Entgegen des Mainstreams.

Sind sie neugierig darauf, wie das in der Praxis aussehen kann?
Wir haben uns vorgenommen, typische Situationen aus dem Hundealltag darzustellen. Wir wollen gegenüberstellen, wie man mit unerwünschtem Verhalten häufig „auf die alte Art“ umgegangen ist , und wie es aussehen kann, wenn man dem Hund unsere Regeln des Zusammenlebens auf eine emotional positive Art vermittelt. Begleitet wird das Projekt fachlich von Dr. med. vet. Janey Heine, Tierverhaltenstherapeutin und Leiterin der Hundeschule Dogs-Connection.

Geplant sind ein paar Videos die darstellen sollen,  das es „So oder So“ geht. Alleine der Mensch entscheidet, wie er mit seinem Hund umgehen soll. Wir wollen damit anhand praktischer Beispiele  zeigen, wie ein moderner, emotional positiver Umgang mit dem Hund aussehen kann.

Los geht es bald mit diesem wichtigen Thema:
So oder so: Ge-lassen oder ge-stresst?

* Interessantes im www zum Thema:

Zusammenhang Trainingsmethode und Stress/Aggression beim Hund:
„The Effect of Training Methods on Stress-Levels in Dogs“, Stanley Coren Ph.D. , F.R.S.C., erschienen in „Psychology Today“am 16.04.2014 

Trainingsbeispiel zum Aufbau von Signalen:
Trainings „Geh auf die Decke“ auf Markertraining.de 

Karen Pryor Clicker-Training, Video von 2006 : 
An Introduction to Clicker Training, Karen Pryor Clicker Training