So oder so: Ge-lassen oder ge-stresst?

Unerwünschtes Verhalten des Hundes wird wahrscheinlicher, wenn er gestresst ist. Durch neurowissenschaftliche Erkenntnisse wissen wir heute: da gibt es einen direkten Zusammenhang.

Wir alle wünschen uns Hunde, die uns gelassen durchs Leben begleiten. Hunde, die sich möglichst so verhalten, wie wir uns das vorstellen. Und die meisten von uns wünschen sich auch, dass die Hunde selbst glücklich sind. Wir kommen also nicht darum herum, über das Thema Stress nachzudenken. Wie schaffen wir es aber, das Stresslevel  unseres Hundes auf einem niedrigen Niveau zu halten, so dass er auch in schwierigen Situationen für uns ansprechbar bleibt?

Mit dem ersten Beitrag der „So-oder-So“-Reihe wollen wir uns mit diesem grundlegenden Thema befassen. Unser Video zeigt zwei unterschiedliche Wege des Umgangs mit dem Hund: der eine erhöht das Stresslevel des Hundes, der andere fördert Gelassenheit. So oder so – welchen Weg wir wählen, das entscheiden wir selbst.

Weiter unten im Beitrag setzen wir uns damit auseinander, was Stress eigentlich ist und wie man es schaffen kann, mit dem Hund ein möglichst gelassenes Leben zu führen …

Was ist Stress?
„Stress“ ist heutzutage in aller Munde und hat einen schlechten Ruf. Dabei ist Stress an sich erst einmal etwas Gutes. Stress – im eigentlichen Sinne – ist eine Anpassungsreaktion des Körpers auf innere und äußere Reize. In gefährlichen Situationen hat diese Anpassungsreaktion schon immer die wichtige Funktion, unser Überleben zu sichern.  Deshalb läuft die Bewertung von potentiell gefährlichen Situationen blitzschnell und unwillkürlich in einem evolutionär sehr alten Bereich des Gehirns ab. Die körperlichen Prozesse, die nach entsprechenden Stressauslösern stattfinden, bereiten den Körper auf passende Reaktionsmuster vor („Kampf oder Flucht“). Das ist ziemlich praktisch, denn wenn wir jede Gefahrensituation erst mal kognitiv analysieren würden, wären wir schon längst nicht mehr da. 😉

Was vom Gehirn jedoch  als „Auslöser“ bewertet wird, ist sehr subjektiv und hängt auch von Wahrnehmungsmöglichkeiten und Erfahrung ab.  Kein Wunder also, dass wir manchmal nicht nachvollziehen können, was genau den Hund beunruhigt. Wir können aber an seinem Verhalten oder seiner Körpersprache erkennen, wenn er Stress hat.

Ein niedriges Stresslevel macht den Körper aktiver und leistungsfähiger. Ist der Stress zu groß oder zu lang anhaltend, kehrt sich dieser positive Effekt ins Gegenteil. Stress wird zum Risikofaktor, wenn ein Mensch oder Tier sehr häufig und ohne ausreichende Erholungsphasen und Bewältigungsstrategien stressauslösenden Situationen ausgesetzt ist. Stress kann durch reale oder gefühlte Bedrohung entstehen, durch Überforderung, aber auch durch Unterforderung (wenn natürliche Bedürfnisse nicht gelebt werden können). Chronischer Stress macht auf Dauer krank. Es können nicht nur körperliche Krankheiten, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Beschwerden des Bewegungsapparates, ein geschwächtes Immunsystem, Allergien entstehen, sondern auch psychische, wie Depressionen und Angst- und Zwangserkrankungen. Auch beim Hund.

Hat mein Hund Stress?
Zuerst einmal müssen wir uns darüber bewusst werden: es ist nicht relevant, wie wir Menschen eine Situation bewerten. Allein das Hundehirn entscheidet, was Stressauslöser ist und was nicht. Das Stresslevel des Hundes wird durch viele innere und äußere Faktoren beeinflusst, auch maßgeblich durch unsere Art des Umgangs mit ihm. Bei „konventionellen Erziehungsmethoden“ mit „Strafe“ und  „Korrektur“ werden die natürlichen Bedürfnisse des Hundes häufig ignoriert, natürliche Verhaltensweisen bestraft, Kommunikationsversuche des Hundes missachtet. Wird ein sensibler Hund immer wieder auf diese Weise von seiner Bezugsperson behandelt, schaltet er vielleicht irgendwann ab und „funktioniert“ im Sinne des Menschen. Ziel erreicht? Manche denken das vielleicht und finden es gut, dass der Hund „so ruhig“ ist, alles tut, was man sagt. Manche fragen aber: „und der Hund? Geht es ihm gut dabei?“

So ein Hund hat immer wieder die Erfahrung gemacht, dass sein Mensch – sein Sozialpartner – auf sein vollkommen natürliches Verhalten mit unangenehmen, teilweise schmerzhaften Maßnahmen reagiert. Natürliche Bedürfnisse darf er nicht ausleben. Der Hund bekommt keine Lösungsstrategie vorgestellt. Er lernt nicht, wie er sich anders – im Sinne des Menschen – verhalten soll. Nur, dass er sich „nicht so“ verhalten darf (wenn ihm das „so“ überhaupt bewusst ist?)  Er erlebt einen Kontrollverlust, das heißt, er hat das Gefühl, die Situation nicht beeinflussen zu können. Also macht er das, was ihm von der Natur für Stress-Situationen mitgegeben wurde, wenn Kampf und oder Flucht nicht möglich sind: „tot stellen“.

Manche Hunde verharren in diesem Zustand, sind schwer zu motivieren, zeigen kein Erkundungsverhalten mehr, trotten unauffällig an der Seite des Menschen durch´s Leben. Sie werden irgendwann vielleicht körperlich krank, weil die Hormone, die der Körper durch den Dauerstress produziert, nicht mehr abgebaut werden können. Es gibt auch Hunde, die rebellieren oder versuchen, ihre unterdrückten Bedürfnisse an anderer Stelle auszuleben … und werden wieder „gedeckelt“. Mir geht dieses Bild durch den Kopf: drückt man einen Ball unter Wasser, bleibt er dort, so lange man Druck ausübt. Lässt man aber los, schießt er unkontrolliert und mit voller Wucht heraus. Wie heftig die Reaktion ist und in welche Richtung sie geht (nach innen oder außen?) kann man schwer vorhersehen.

Man schafft mit dieser Art der Erziehung also neue Probleme, die vermeidbar wären. Und der Hund leidet. Schade. Denn es geht auch anders: ein Zusammenleben mit dem Hund, geprägt durch Empathie, Achtsamkeit und Kreativität.

Empathie.
Seien Sie empathisch und stellen Sie sich ein Hundeleben aus Sicht des Hundes vor. Wir bestimmen, wann Hund fressen darf, wann er schnüffeln und sich lösen darf, wann er raus darf, wann er wieder rein muss und ob und mit wem er sich paaren darf. Unser Hund ist vollkommen abhängig von uns und wird dazu noch durch die „Sprachbarriere“ häufig missverstanden. Wenn wir uns für ein Zusammenleben mit Hund entscheiden, sollten wir wissen, welche Bedürfnisse unser Hund hat und wie wir sie – so gut wie möglich – erfüllen können.
Und wir sollten lernen,  seine Körpersprache zu deuten und seine Stress-Symptome zu erkennen. Lassen Sie es nicht so weit kommen, dass Ihr Hund aufgrund falscher Behandlung „abschaltet“, nicht mehr spielt und erkundet, sondern nur noch „funktioniert“. Oder dass aggressives Verhalten (gegen sich selbst oder andere gerichtet) zu seiner Lösungsstrategie wird.


Achtsamkeit.
Wir sollten achtsam sein für die Bedürfnisse unseres Hundes und sie auf eine Art erfüllen, die natürlich auch die Bedürfnisse des Umfeldes respektiert. Grundbedürfnisse des Hundes sind nach Ansicht moderner Hundeexperten:

  • Regelmäßiges, ausgewogenes Futter,  das auch mal „gratis“ aus dem Napf kommt, Wasser,
  • 17-20 Stunden Ruhe (Welpen und Senioren 1-2 Std mehr) pro Tag,
  • ca. zwei Stunden Spaziergang und geistige Beschäftigung pro Tag, dabei sollten sich kurze Beschäftigungsphasen mit langen Ruhephasen abwechseln. Die Dauer dient jedoch nur als Richtlinie und ist stark abhängig von den individuellen Bedürfnissen und der Tagesverfassung des Hundes. (Das Verhalten des Hundes gibt uns Auskunft darüber)
  • Ausreichend Interaktion mit Sozialpartnern in Form von gemeinsamen Aktivitäten, Spiel, Kuscheln, Körperpflege.
  • Sicherheit und körperliche Unversehrtheit. Es ist alleine unsere Aufgabe dafür zu sorgen.  Das beinhaltet neben der erforderlichen tierärztlichen Behandlung bei Verdacht auf Krankheiten und Schmerzen auch Alltagsthemen.  Es macht – nur als Beispiel – keinen Sinn, mit einem Hund, der nicht zuverlässig bei Fuß bleibt, an einer Straße ohne Leine zu gehen. Das Training sollte so gestaltet werden, dass sich der Hund sicher fühlt. Auf aversive Erziehungsmittel sollte man deshalb besser verzichten. Darunter fallen auch Schreckreize, Leinenrucke und körpersprachliche Bedrohung.

Nicht vergessen sollten wir die rassespezifischen und individuellen Bedürfnisse. Unsere Hunde wurden und werden züchterisch auf bestimmte Fähigkeiten und für bestimmte Aufgaben selektiert. Die daraus resultierenden individuellen Bedürfnisse sind ebenfalls zu berücksichtigen, damit Hund ein ausgeglichenes Leben führen kann. Das betrifft übrigens nicht nur „Rassehunde“ sondern auch deren Mischungen. Auch sind nicht alle Hunde einer Rasse „gleich“ – es gibt durchaus Unterschiede.

Wir sollten auf jeden Fall „Hündisch“ lernen, um die Körpersignale, die der Hund aussendet, verstehen zu können. Stressanzeichen können z.B. sein: geduckte Körperhaltung, Hecheln, Zittern, „Lachgesicht mit Falten“ (langgezogene Mundwinkel), Ohrenstellung „nach hinten hängend“, „ausweichendes“ Verhalten wie z.B. Schnüffeln, Gras fressen, Wälzen*  Das ist deshalb wichtig, da man nicht immer auf den ersten Blick erkennt, wenn Hund sich unwohl fühlt oder Stress hat. Nicht jeder Hund reagiert mit auffälligem Verhalten. Es gibt unterschiedliche Stresstypen: während der eine  aktiv wird (Kampf oder Flucht), reagiert der andere mit passiven, abwartendem Verhalten.

Kreativität.
hilft, wenn wir unser Zusammenleben mit dem Hund ganz bewusst gestalten. So wie es gut für ihn und auch für uns ist. Hier ein paar Anregungen:

  • Wir können unseren Alltag so strukturieren, dass die Grund- und Individualbedürfnisse des Hundes erfüllt werden. Spazierengehen, soziale Kontakte und geistige Auslastung lassen sich z.B. wunderbar kombinieren. Es kommt nicht so sehr auf „Strecke“ an, sondern auf „Qualitätszeit“.  Außerdem sorgen wir für ausreichende Entspannungs- und Ruhephasen.
  • Wir können dem Hund Sicherheit geben, indem wir für ihn souveräne, verlässliche Bezugsperson sind. Das heißt: wir bemühen uns, klar und konsequent, mit vorher trainierten Signalen zu kommunizieren.  Wir kündigen unsere Aktivitäten an (z.B. Trainieren, Spazieren gehen, körperliche Berührung, Alleine lassen, Ruhepausen) Wir gestehen dem Hund zu, seine Bedürfnisse zu zeigen und gehen darauf ein. Wenn der Hund z.B. knurrt, ist das seine Art, zu sagen: ich brauche Abstand. Wir respektieren das erst einmal und denken später darüber nach, wie wir die Situation so trainieren, dass der Hund damit zurecht kommt.
  • Wenn wir beobachten, dass der Hund überfordert ist, „zwingen wir ihn nicht da durch“, sondern überlegen, wie wir die Situation so gestalten können, dass sie vom  Hund gut bewältigt werden kann. Wir sorgen dafür dass er kein eskalierendes Verhalten zeigen muss, sondern trainieren mit ihm auf einem emotionalen Level, das es ihm erlaubt sich so zu verhalten, wie wir es uns ja auch von ihm wünschen: sicher und gelassen! Genauso helfen wir einem Hund, bei dem wir das Gefühl haben, dass er sich „in sich zurückzieht“,  der „abschaltet“ und an der Welt um ihn herum nicht teilhaben möchte. So ein Hund wirkt zwar ruhig, ist es aber nicht – er leidet, wie man mit geschultem Blick erkennen kann.
  • Lassen wir doch ab- und zu den Hund entscheiden. Uns bricht kein Zacken aus der Krone, wenn der Hund mal den Weg aussucht oder wenn wir stehen bleiben,  wenn er schnüffeln will. Es ist in Ordnung, wenn er keinen Kontakt zu einem andern Hund haben möchte. Es gibt keinen Grund, dass er jeden mögen muss. So wie wir auch nicht
  • Wir reflektieren uns und unser Verhalten. Strahlen wir Ruhe aus oder fördern wir seine Aufregung noch durch unser hektisches Verhalten oder unsere innere Unruhe?
  • Und ja. Wir müssen dafür sorgen, dass Hunde unsere menschlichen Regeln einhalten – aber nicht in der Rolle eines Despoten, sondern in der eines verlässlichen Sozialpartners. Wir zeigen dem Hund auf freundliche Art, welches Verhalten wir uns wünschen. Diese Information geben wir nicht, wenn wir strafen. Nur wenn er verstanden hat, was wir von ihm erwarten, kann er sich unseren Wünschen entsprechend verhalten. Wenn Beziehung, Training und Erregungslevel passen, tut der Hund gerne, was wir uns wünschen.  Und so lange er das nicht verstanden hat, betreiben wir „Management“. Wir verhindern damit präventiv, dass der Hund das unerwünschte Verhalten zeigen kann. (z.B. Schleppleine dran – solange kein sicherer Rückruf trainiert wurde. Weitere Beispiele werden wir in den noch folgenden  „So-oder-So“-Videos zeigen)

Das alles erfordert von uns Hundemenschen einiges an Einfühlungsvermögen, Wissen, Beobachtungsgabe und Kreativität. Die Natur hat uns  Menschen die notwendigen kognitive Fähigkeiten geschenkt. Die sollten wir nutzen. 😉 Und kommt man alleine nicht weiter, hilft ein emotional positiv arbeitender Trainer…

Im nächsten Beitrag unserer „Happy-Rosenheim-Dogs“ Beitragsreihe werden wir uns ein typisches Alltagsbeispiel etwas genauer ansehen: So oder so: Bellen am Fenster
Bis dahin:  Stay calm and love your dog ❤

*Zum Weiterlesen:

  • „Schreck lass nach: Der Einfluss von Stress und Angst auf Gehirn und Verhalten“ von Dr. Ute Blaschke-Berthold, Heike Westedt
  • DVD „Das Kleingedruckte in der Körpersprache des Hundes“, Dr. Ute Blaschke-Berthold