So oder so: Bellen am Fenster

In den letzten Beiträgen haben wir uns mit den„Basics“ emotional positiver Hundeerziehung beschäftigt – damit, wie man auf freundliche Art Regeln etabliert,  was der Unterschied zwischen Lob und Markersignal ist, welche Rolle Stress im Umgang mit dem Hund spielt und wie man ihn reduzieren kann.

Heute beschäftigen wir uns mit einem konkreten Verhaltensbeispiel. Wir sehen uns an, wie wir auf positive Art damit umgehen können, wenn der Hund bereits unerwünschtes Verhalten zeigt und wie wir ihm vermitteln können, was wir von ihm erwarten. Wir brauchen dafür weder „Strafe“ noch „Korrektur“….

 

So oder so: Bellen am Fenster.

Wenn unser Hund mit lautem Getöse jede Bewegung vor dem Fenster kommentiert, kann das ganz schön nervenaufreibend werden. Und wenn der Mensch sich dann auch noch rat- oder hilflos fühlt, weil Hund nicht mehr auf Signale reagiert und der Druck der Nachbarn zu groß wird, dann greift der ein- oder andere schon mal zu Methoden, die im Fernsehen als wirksam suggeriert werden. Wenn das Timing stimmt und der Hund ausreichend beeindruck ist, kann es dann vielleicht sogar passieren, dass der Hund sein Verhalten nach dem Schreckreiz einstellt. Aber nur kurzfristig.

Weshalb? Weil es für uns nahezu unmöglich ist, Strafe nach den Lerngesetzen korrekt auszuführen. Stellt der Hund sein Bellen für den Moment ein, dann wohl eher aufgrund des Schrecks oder des bedrohlichen Verhaltens des Sozialpartners.  Sein Verhalten wird also nur unterdrückt, „gedeckelt“. Die zugrundeliegende Motivation des Hundes wird nicht berücksichtigt. Das große Problem, das solche „Maßnahmen“ mit sich bringen (mal ganz abgesehen von der Frage, ob ich wirklich auf diese Art mit meinem Hund umgehen will …): stimmen Timing und/oder Intensität nicht, verknüpft der Hund die unangenehme bzw. ängstigende Einwirkung nicht mit seinem Verhalten. Zudem können ungewollte Pannen passieren, z.B. könnte er den Schreck mit etwas  zufällig gleichzeitig Wahrgenommenem verknüpfen, vielleicht mit einem Kind, das zufällig in dem Moment vorbei ging.
Oder der Hund hält Sie, als seine engste Bezugsperson, für unberechenbar, weil er den Zusammenhang zwischen dem von Ihnen ausgehenden unangenehmen Reiz und seinem „Fehlverhalten“ (das ja nur der Mensch als solches ansieht) gar nicht herstellen kann. Dazu kommt noch: was macht der Hund, wenn Sie nicht daneben stehen, und „korrigieren“ können? Er lernt beim solchen Maßnahmen ja nicht, wie er sich anstelle dessen verhalten soll.
Weshalb sollten wir all die „unerwünschten Nebenwirkungen“ – Fehlverknüpfungen, Vertrauensverlust und Erhöhung des Stresslevels –  riskieren, wenn es doch auch anders geht?

Besser so:
Durchatmen, souverän sein. Nicht aufregen, sondern gelassen bleiben. Ich habe mich ja dazu entschieden, emotional positiv mit meinem Hund umzugehen und ohne „Nein“ und „Strafe“ Regeln zu etablieren. Deshalb mache ich mir bewusst, dass mein Hund das nicht tut, um mich zu ärgern. Mein Job als souveräne Bezugsperson ist es nun zu überlegen, wie ich solche  Situationen für meinen Hund so verändere, dass es uns beiden – meinem Hund und mir dabei gut geht. Dafür nutze ich meine menschlichen Fähigkeiten: Empathie, Achtsamkeit und Kreativität.

Empathie
Ein Hund ist ein Hund. Der Mensch muss umdenken. Da ich mittlerweile (hoffentlich) einiges über das Verhalten meines Hundes gelernt habe, ist mir klar, dass mein Hund im Moment wahrscheinlich aufgrund eines für ihn beunruhigenden Auslösers sehr aufgeregt ist. Das ist seine Art, sich in dieser Situation zu verhalten – er will vielleicht seine Sozialpartner vor einem potentiellen Eindringling warnen. Aber auch wenn sein Verhalten vielleicht einen anderen Grund hat – ich möchte ihm (und mir) den Stress und den damit verbundenen Hormoncocktail erst einmal ersparen. Und das geht ganz einfach, indem ich die Zugangsmöglichkeit zum Fenster abstelle. Damit verhindere ich, dass das Verhalten wieder auftreten kann, bis ich einen guten Plan habe. In unserem Beispiel wählen wir die simpelste Variante: wir schließen die Türe. Denn jedesmal, wenn der Hund das unerwünschte Verhalten zeigt, festigt es sich mehr. Das macht mein Training zunehmend schwierig. Wenn „Türe schließen“ zukünftig immer umgesetzt werden kann und der Hund das Verhalten deshalb nicht mehr zeigt – wunderbar. Damit ist allen geholfen. Wenn nicht, sollte ich mir einen Plan überlegen.

Achtsamkeit
Ich gehe die Szene am Fenster nochmal gedanklich durch. Was genau ist da in welcher Reihenfolge passiert? Der Rückruf war erfolglos, weil die Aufregung zu groß war und/oder ein Rückrufsignal noch nicht ausreichend trainiert wurde.

In unserem Beispiel hat der Hund erst mal beobachtet, bis er losgetobt hat. Dieses Beobachten hat sich über Knurren zu einer Bellattacke gesteigert. Und genau darin kann man einen Ansatzpunkt sehen: wir verstärken das Verhalten – ruhig gucken – das der Hund zeigt, bevor er bellt. Dabei hilft uns das Markersignal, das uns ermöglicht, das „ruhige Gucken“ punktgenau zu verstärken und zeitlich zu verlängern. Ganz nebenbei verändert diese Art des Trainings die Emotionslage des Hundes, denn das Klickgeräusch und die daraus resultierende positive Erwartung bewirkt die Ausschüttung von Wohlfühlhormonen beim Hund. So wird erreicht, dass der Hund immer länger guckt, und dabei ruhig bleibt. Nun hat der Hund die richtige Emotionslage, in der er ansprechbar ist. Und dann kommt der nächste Schritt, denn jetzt ist er dazu in der Lage, ein Alternativverhalten auszuführen.

Kreativität
Wir werden kreativ: welches Alternativverhalten ist hilfreich in dieser Situation? Es gibt meistens mehrere Möglichkeiten. Wir wählen in unserem Beispiel die Variante, dass der Hund zu uns kommen soll, wenn sich draußen etwas bewegt. Deshalb trainieren wir (wenn der Hund es nicht bereits kann) parallel ganz kleinschrittig den zuverlässigen Abruf. Erst ohne Ablenkung, dann steigern wir die Ablenkung in kleinen Schritten, so dass der Hund das „zu mir“ auch unter großer Ablenkung zeigen kann. Erst dann bauen wir das Alternativverhalten in die Situation am Fenster ein.

Während der gesamten Trainingsphase bleibt die Tür zu, wenn wir nicht mit dem Hund am Thema arbeiten, so dass das unerwünschte Verhalten „Bellen am Fenster“ möglichst nicht mehr auftreten kann. Beim Hund festigt sich immer mehr diese Verhaltenskette: draußen taucht ein Reiz auf – ruhig bleiben lohnt sich, denn ich werde gleich abgerufen und bekomme eine Belohnung. Machen wir das lange genug, wird der Hund uns suchen, wenn er einen potentiellen Eindringling am Fenster bemerkt, um sich seine Belohnung abzuholen. 😉

Und wenn´s nicht klappt?
Das kann passieren. Weder Hund noch wir sind immer gleich gut in Form. Rückschläge sind ebenfalls normal – wie immer, wenn man Neues lernt. Dann heißt es: nochmals in sich gehen und nachdenken. Wo ist der Haken? Ist die Motivation des Hundes vielleicht doch eine andere? (z.B. Langeweile? Ängste?) Bin ich im Training zu schnell vorangegangen? Wie immer gilt: kann man das Thema nicht selbst lösen, erspart man sich und dem Hund viel Frust und Arbeit, indem man rechtzeitig einen emotional positiv arbeitenden Trainer hinzu zieht.  Denn Lernen über positive Verstärkung funktioniert. Ohne schädliche Nebenwirkungen. Wenn nicht, hat sich ein (Denk-) Fehler eingeschlichen – und den gilt es zu finden.

 

 AnmerkungJedes Mensch-Hund-Team ist anders! Die Ursachen für ein auf den ersten Blick ähnliches Hundeverhalten können sehr unterschiedlich sein. Unterschiedliche Ursachen erfordern unterschiedliche Trainingsansätze. Deshalb sollen unsere gezeigten Beispiele keine Erziehungstipps sein, sondern freundliche und gleichzeitig wirksame Trainingsalternativen beispielhaft aufzeigen.
Wie der passende Trainingsansatz für Sie und Ihren  Hund aussieht, das sollten Sie mit einem guten Trainer erarbeiten, der emotional positives und wissenschaftlich fundiertes Hundetraining anbietet. Wichtig ist, dass Sie sich bewusst für diesen Trainingsstil entscheiden und ihn auch konsequent leben wollen. Denn verhält sich der Mensch heute so und morgen anders, führt das zu sozialer Unsicherheit beim Hund, erhöht sein Stresslevel und der Schuss geht mit großer Wahrscheinlichkeit nach hinten los.