Lernen mit Spass

Seminar „Jagdlich motivierte Hunde stoppen & abrufen“

Folgt ihr Hund zuverlässig – auch bei attraktiven Ablenkungsreizen? Bleibt ihr Hund auf dem Weg und lässt sich abrufen, wenn er einen Wildgeruch in die Nase bekommt oder über eine interessante Spur stolpert? Wenn die Antwort auf diese Fragen „nein“ lautet,  sollte der Hund an Geschirr und Schleppleine geführt werden. Oder man trainiert.

Es gibt verschiedene Wege zu einem verlässlichen Abbruch unerwünschten Jagdverhaltens. Für alle Rosenheimer, die einen freundlichen Weg kennen lernen möchten, habe ich eine gute Nachricht: Anja Fiedler, Hundeschule dogable in Meerbusch, weiß, was (Jagd-)Hunde wollen. Sie hat mit ihrer Hündin Wolke, eine Ungarisch Drahthaar Hündin aus jagdlicher Zucht, mehrere Jagdprüfungen absolviert.
Ihre Arbeit basiert auf positiver Verstärkung, einer Lernform, die sich in ihrer Gesamtheit intensiv mit den Bedürfnissen des Hundes als Individuum auseinandersetzt und ihm eine direkte Resonanz auf gewünschtes oder unerwünschtes Verhalten gibt.

Anja besucht vom 21.-23. September 2018 unsere Region und gibt in der Hundeschule Dogs-Connection ein Wochenendseminar zu dem  Thema: „Jagdlich motivierte Hunde stoppen & abrufen.“ Weitere Informationen zu diesem Seminar mit Anja Fiedler: http://www.dogs-connection.de

 

Da muss er durch? Ein Perspektivwechsel.

Lieben Sie Ihren Hund? Die meisten Hundemenschen werden diese Fragen wohl mit „Ja“ beantworten. Und weil Ihnen wichtig ist, dass es ihm gut geht, haben Sie sich sicher auch mit den Bedürfnissen Ihres Hundes auseinander gesetzt. Was braucht er, um ein zufriedenes Hundeleben zu führen? Neben der Erfüllung körperlicher Grundbedürfnisse, Interaktion mit Sozialpartnern, geistiger Beschäftigung, zählt auch ‚Sicherheit’ zu den Bedürfnissen des Hundes. Sicherheit – das heißt: physische und psychische Unversehrtheit und verlässliche Bezugspersonen.

Nun gibt es viele Situationen in denen wir als verantwortliche Menschen in einer Zwickmühle sind. In denen wir Dinge tun müssen, die den  Bedürfnissen des Hundes zuwider laufen. Zum Beispiel ihn in potentiell gefährlichen Situationen mit der Leine sichern, Tierarztbesuche, regelmäßige Körperpflege, wie Bürsten und Krallen schneiden. Wir Menschen haben die Fähigkeit zur Voraussicht und wissen deshalb, dass diese Maßnahmen erforderlich sind. Der Hund erst mal nicht. Er wird diese Situationen auf seine Art erleben. Sie beinhalten tendenziell unangenehme Dinge für ihn. Wer lässt sich schon gerne in seiner Bewegungsfreiheit einschränken, sich von Dingen, die einem im Blut liegen abhalten, piksen, ziepen oder von Fremden anfassen wo er doch gar nicht versteht, weshalb das mit ihm geschieht?

Und darüber hinaus gibt es noch die Situationen, in denen der Mensch in punkto Sicherheit völlig konträr zum Empfinden des Hundes handelt, z.B. wenn er angeleint gezwungen wird, nahe an einem Artgenossen oder etwas anderem vorbei zu gehen, das auf ihn bedrohlich wirkt. Könnte er wie er wollte, würde er großräumig ausweichen. Oder wenn wir von einem sich sträubenden Hund verlangen, Aufzug zu fahren oder über eine glatten, „durchsichtigen“, oder schwankenden Untergrund zu laufen. Beispiele gibt es hier viele.

Das alles sind Dinge, die im Laufe eines Hundeleben mehr oder weniger häufig vorkommen. Wenn wir diese für den Hund unnatürlichen Situationen aber immer wieder und „einfach so“ aufgrund der körperlichen und geistigen Überlegenheit des Menschen durchsetzen und nicht vorab mit dem Hund trainieren, bedeuten sie jedes Mal eine unangenehme Erfahrung für ihn. Plus einen Vertrauensverlust zur Bezugsperson, da unser Verhalten aus seiner Sicht nicht nachvollziehbar ist. Dazu erlebt Hund wahrscheinlich ein Gefühl der Hilflosigkeit, weil er der Situation nicht entrinnen kann. Auch wenn mancher Hund die Situation irgendwann hinnimmt, heißt das nicht unbedingt, dass es ihm gut damit geht. Psychisches Wohlbefinden ist für jedes Lebewesens ebenso wichtig, wie das körperliche. Wir sollten uns deshalb genau überlegen, ob und wie häufig wir in Kauf nehmen wollen, dass sich der Hund einer unangenehmen Situation ausgeliefert fühlt.

Die Sache mit den Emotionen.
Es steht nach heutigem wissenschaftlichen Stand außer Frage, dass Hunde – wie auch Menschen – Emotionen haben. Sie empfinden Angst, Trauer, Aggression oder Wut, Suche nach Erfolgserlebnissen, Spielfreude, Lust und Fürsorge – wie wir auch. (Jaak Panksepp) Emotionen sind Motor für Verhalten. Emotionen beeinflussen Beziehungen. Welche Emotionen beim Hund ausgelöst werden, wird durch viele Faktoren bestimmt, die teilweise ausserhalb unserer Wahrnehmung, Vorstellungskraft und unseres Einflussbereiches liegen. Überwiegen im Leben immer wieder negative Emotionen, finden zu wenig positive Erfahrungen statt, hat das zwangsläufig Auswirkungen auf das Wohlergehen und Verhalten eines Lebewesens. Wir können die Emotionen des Hundes jedoch an seiner Körpersprache ablesen und durch unser Verhalten und positives Training in eine gute Richtung beeinflussen. Und wir können diese unangenehmen, aber erforderlichen Situationen so gestalten, dass es dem Hund leichter möglich ist, sie zu bewältigen. Dass er möglichst wenig Frust, Unsicherheit oder sogar Angst erlebt. Dass er die genannten Dinge vielleicht sogar irgendwann gerne tut.

Nehmen wir das Beispiel Körperpflege. Bürsten oder Krallen schneiden, ist so ein Thema, das einige Hunde nicht gerne mögen. Und der Mensch somit häufig auch nicht. Zwingt man den Hund durch die Situation, um „es möglichst schnell hinter sich zu haben“, kann das unangenehmen Konsequenzen haben. Der Hund wird Körperpflege zukünftig noch weniger mögen und für den Menschen kann diese wenig bedürfnisorientierte Vorgehensweise sehr schmerzhaft enden. (wie man bei bekannten, aber immer wieder die Körpersprache des Hundes ignorierenden Hundeflüsterern sogar schon im Fernsehen erleben konnte). Nun haben wir Menschen einen Verstand und deshalb immer mehr als eine Möglichkeiten, mit den Dingen umzugehen. Unser Verhalten hat großen Einfluss darauf, wie sich diese Situation zukünftig für Mensch und Hund gestaltet. Es wird für die Zukunft einen Unterschied machen, ob wir respektvoll mit dem Hund umgehen und ihn langsam an diese für ihn unangenehme Situation gewöhnen, oder ob wir mit einer „da muss er durch“-Mentalität an die Sache herangehen.

Wir sind der Mittelpunkt seiner Welt. Wir können beeinflussen, ob Hund solche Situationen des Alltags positiv erlebt, oder ob wir ihn immer wieder in negative Erfahrungen hineinzwingen. Wir Menschen können die Voraussetzung schaffen, damit der Hund sie gut zu meistern lernt, indem wir
– uns von dem Gedanken verabschieden, dass der Hund „stur“, „bockig“ oder „dominant“ ist. Alles was er tut, resultiert aus seinen Emotionen und seinem natürlichen, daraus resultierendem Verhalten.
– eine wohlwollende, freundliche innere Haltung im Umgang mit ihm einnehmen
– die Hundesprache lesen lernen, damit wir an den Körpersignalen und Stressanzeichen des Hundes erkennen, wenn es ihm nicht gut geht
– uns das Wissen aneignen, wie man Hunde positiv, mit Hilfe von Markersignalen trainiert
– entsprechend kleinschrittig im Training vorgehen und es so gestalten, dass der Hund Erfolg haben wird
– unsere Aufmerksamkeit auf Gelingen, nicht auf Scheitern legen
– unserer kognitiven Fähigkeiten nutzen, um unvermeidbare Situationen angenehmer für den Hund zu gestalten.

Das klingt erst mal viel. Und kostet Zeit. Am Anfang. Langfristig werden wir mit einem fröhlichen, aufgeschlossenen, selbstsicheren Hund belohnt, der uns vertraut und gerne mit uns kooperiert. Und wenn der Hund die verschiedenen Situationen, erst einmal positiv verknüpft hat, holt man die investierte Zeit im Laufe des Hundelebens locker wieder herein. An-der Leine-gehen macht vielleicht plötzlich Spass und wird vom Hund nicht mehr als Einschränkung empfunden. Das Bürsten wird für Mensch und Hund zu einem entspannten, sozialen Erlebnis. Alle Beteiligten profitieren. Wenn man einmal darüber nachdenkt, gibt es dann wirklich noch für eine Grund dafür zu sagen: „da muss er durch“?

Das Dreiecksspiel – spielerisch den Rückruf trainieren.

Das Dreiecksspiel kennen wir schon länger und haben es vor kurzem in einer Facebookgruppe wieder neu für uns entdeckt. Nicht nur, dass meine Hunde diese Übung lieben … ganz nebenbei werden noch wichtige Alltagssignale wie Sitz, Bleib und der Rückruf trainiert.  Es kann ganz einfach zwischendurch beim Spazierengehen eingebaut und individuell angepasst werden. Auch für (noch) nicht zuverlässig abrufbare Hunde ist es geeignet, denn es lässt sich wunderbar mit Schleppleine spielen.

Wir kombinieren diese Übung am liebsten mit einem Apport. Meine Hunde lieben es,  Stoffsäckchen durch die Gegend zu tragen und deshalb ist auf jedem unserer Spaziergänge sowieso ein Dummy mit dabei. Als „Ablenkungsobjekt“ ist aber alles möglich, was der Hund gerne mag. (am Anfang sollten sie natürlich nicht so reizvoll sein 😉 )

Hier ein paar Eindrücke unserer momentanen Variante des Dreiecksspiels:

 

So oder so: Bellen am Fenster

In den letzten Beiträgen haben wir uns mit den„Basics“ emotional positiver Hundeerziehung beschäftigt – damit, wie man auf freundliche Art Regeln etabliert,  was der Unterschied zwischen Lob und Markersignal ist, welche Rolle Stress im Umgang mit dem Hund spielt und wie man ihn reduzieren kann.

Heute beschäftigen wir uns mit einem konkreten Verhaltensbeispiel. Wir sehen uns an, wie wir auf positive Art damit umgehen können, wenn der Hund bereits unerwünschtes Verhalten zeigt und wie wir ihm vermitteln können, was wir von ihm erwarten. Wir brauchen dafür weder „Strafe“ noch „Korrektur“….

 

So oder so: Bellen am Fenster.

Wenn unser Hund mit lautem Getöse jede Bewegung vor dem Fenster kommentiert, kann das ganz schön nervenaufreibend werden. Und wenn der Mensch sich dann auch noch rat- oder hilflos fühlt, weil Hund nicht mehr auf Signale reagiert und der Druck der Nachbarn zu groß wird, dann greift der ein- oder andere schon mal zu Methoden, die im Fernsehen als wirksam suggeriert werden. Wenn das Timing stimmt und der Hund ausreichend beeindruck ist, kann es dann vielleicht sogar passieren, dass der Hund sein Verhalten nach dem Schreckreiz einstellt. Aber nur kurzfristig.

Weshalb? Weil es für uns nahezu unmöglich ist, Strafe nach den Lerngesetzen korrekt auszuführen. Stellt der Hund sein Bellen für den Moment ein, dann wohl eher aufgrund des Schrecks oder des bedrohlichen Verhaltens des Sozialpartners.  Sein Verhalten wird also nur unterdrückt, „gedeckelt“. Die zugrundeliegende Motivation des Hundes wird nicht berücksichtigt. Das große Problem, das solche „Maßnahmen“ mit sich bringen (mal ganz abgesehen von der Frage, ob ich wirklich auf diese Art mit meinem Hund umgehen will …): stimmen Timing und/oder Intensität nicht, verknüpft der Hund die unangenehme bzw. ängstigende Einwirkung nicht mit seinem Verhalten. Zudem können ungewollte Pannen passieren, z.B. könnte er den Schreck mit etwas  zufällig gleichzeitig Wahrgenommenem verknüpfen, vielleicht mit einem Kind, das zufällig in dem Moment vorbei ging.
Oder der Hund hält Sie, als seine engste Bezugsperson, für unberechenbar, weil er den Zusammenhang zwischen dem von Ihnen ausgehenden unangenehmen Reiz und seinem „Fehlverhalten“ (das ja nur der Mensch als solches ansieht) gar nicht herstellen kann. Dazu kommt noch: was macht der Hund, wenn Sie nicht daneben stehen, und „korrigieren“ können? Er lernt beim solchen Maßnahmen ja nicht, wie er sich anstelle dessen verhalten soll.
Weshalb sollten wir all die „unerwünschten Nebenwirkungen“ – Fehlverknüpfungen, Vertrauensverlust und Erhöhung des Stresslevels –  riskieren, wenn es doch auch anders geht?

Besser so:
Durchatmen, souverän sein. Nicht aufregen, sondern gelassen bleiben. Ich habe mich ja dazu entschieden, emotional positiv mit meinem Hund umzugehen und ohne „Nein“ und „Strafe“ Regeln zu etablieren. Deshalb mache ich mir bewusst, dass mein Hund das nicht tut, um mich zu ärgern. Mein Job als souveräne Bezugsperson ist es nun zu überlegen, wie ich solche  Situationen für meinen Hund so verändere, dass es uns beiden – meinem Hund und mir dabei gut geht. Dafür nutze ich meine menschlichen Fähigkeiten: Empathie, Achtsamkeit und Kreativität.

Empathie
Ein Hund ist ein Hund. Der Mensch muss umdenken. Da ich mittlerweile (hoffentlich) einiges über das Verhalten meines Hundes gelernt habe, ist mir klar, dass mein Hund im Moment wahrscheinlich aufgrund eines für ihn beunruhigenden Auslösers sehr aufgeregt ist. Das ist seine Art, sich in dieser Situation zu verhalten – er will vielleicht seine Sozialpartner vor einem potentiellen Eindringling warnen. Aber auch wenn sein Verhalten vielleicht einen anderen Grund hat – ich möchte ihm (und mir) den Stress und den damit verbundenen Hormoncocktail erst einmal ersparen. Und das geht ganz einfach, indem ich die Zugangsmöglichkeit zum Fenster abstelle. Damit verhindere ich, dass das Verhalten wieder auftreten kann, bis ich einen guten Plan habe. In unserem Beispiel wählen wir die simpelste Variante: wir schließen die Türe. Denn jedesmal, wenn der Hund das unerwünschte Verhalten zeigt, festigt es sich mehr. Das macht mein Training zunehmend schwierig. Wenn „Türe schließen“ zukünftig immer umgesetzt werden kann und der Hund das Verhalten deshalb nicht mehr zeigt – wunderbar. Damit ist allen geholfen. Wenn nicht, sollte ich mir einen Plan überlegen.

Achtsamkeit
Ich gehe die Szene am Fenster nochmal gedanklich durch. Was genau ist da in welcher Reihenfolge passiert? Der Rückruf war erfolglos, weil die Aufregung zu groß war und/oder ein Rückrufsignal noch nicht ausreichend trainiert wurde.

In unserem Beispiel hat der Hund erst mal beobachtet, bis er losgetobt hat. Dieses Beobachten hat sich über Knurren zu einer Bellattacke gesteigert. Und genau darin kann man einen Ansatzpunkt sehen: wir verstärken das Verhalten – ruhig gucken – das der Hund zeigt, bevor er bellt. Dabei hilft uns das Markersignal, das uns ermöglicht, das „ruhige Gucken“ punktgenau zu verstärken und zeitlich zu verlängern. Ganz nebenbei verändert diese Art des Trainings die Emotionslage des Hundes, denn das Klickgeräusch und die daraus resultierende positive Erwartung bewirkt die Ausschüttung von Wohlfühlhormonen beim Hund. So wird erreicht, dass der Hund immer länger guckt, und dabei ruhig bleibt. Nun hat der Hund die richtige Emotionslage, in der er ansprechbar ist. Und dann kommt der nächste Schritt, denn jetzt ist er dazu in der Lage, ein Alternativverhalten auszuführen.

Kreativität
Wir werden kreativ: welches Alternativverhalten ist hilfreich in dieser Situation? Es gibt meistens mehrere Möglichkeiten. Wir wählen in unserem Beispiel die Variante, dass der Hund zu uns kommen soll, wenn sich draußen etwas bewegt. Deshalb trainieren wir (wenn der Hund es nicht bereits kann) parallel ganz kleinschrittig den zuverlässigen Abruf. Erst ohne Ablenkung, dann steigern wir die Ablenkung in kleinen Schritten, so dass der Hund das „zu mir“ auch unter großer Ablenkung zeigen kann. Erst dann bauen wir das Alternativverhalten in die Situation am Fenster ein.

Während der gesamten Trainingsphase bleibt die Tür zu, wenn wir nicht mit dem Hund am Thema arbeiten, so dass das unerwünschte Verhalten „Bellen am Fenster“ möglichst nicht mehr auftreten kann. Beim Hund festigt sich immer mehr diese Verhaltenskette: draußen taucht ein Reiz auf – ruhig bleiben lohnt sich, denn ich werde gleich abgerufen und bekomme eine Belohnung. Machen wir das lange genug, wird der Hund uns suchen, wenn er einen potentiellen Eindringling am Fenster bemerkt, um sich seine Belohnung abzuholen. 😉

Und wenn´s nicht klappt?
Das kann passieren. Weder Hund noch wir sind immer gleich gut in Form. Rückschläge sind ebenfalls normal – wie immer, wenn man Neues lernt. Dann heißt es: nochmals in sich gehen und nachdenken. Wo ist der Haken? Ist die Motivation des Hundes vielleicht doch eine andere? (z.B. Langeweile? Ängste?) Bin ich im Training zu schnell vorangegangen? Wie immer gilt: kann man das Thema nicht selbst lösen, erspart man sich und dem Hund viel Frust und Arbeit, indem man rechtzeitig einen emotional positiv arbeitenden Trainer hinzu zieht.  Denn Lernen über positive Verstärkung funktioniert. Ohne schädliche Nebenwirkungen. Wenn nicht, hat sich ein (Denk-) Fehler eingeschlichen – und den gilt es zu finden.

 

 AnmerkungJedes Mensch-Hund-Team ist anders! Die Ursachen für ein auf den ersten Blick ähnliches Hundeverhalten können sehr unterschiedlich sein. Unterschiedliche Ursachen erfordern unterschiedliche Trainingsansätze. Deshalb sollen unsere gezeigten Beispiele keine Erziehungstipps sein, sondern freundliche und gleichzeitig wirksame Trainingsalternativen beispielhaft aufzeigen.
Wie der passende Trainingsansatz für Sie und Ihren  Hund aussieht, das sollten Sie mit einem guten Trainer erarbeiten, der emotional positives und wissenschaftlich fundiertes Hundetraining anbietet. Wichtig ist, dass Sie sich bewusst für diesen Trainingsstil entscheiden und ihn auch konsequent leben wollen. Denn verhält sich der Mensch heute so und morgen anders, führt das zu sozialer Unsicherheit beim Hund, erhöht sein Stresslevel und der Schuss geht mit großer Wahrscheinlichkeit nach hinten los.

So oder so: Ge-lassen oder ge-stresst?

Unerwünschtes Verhalten des Hundes wird wahrscheinlicher, wenn er gestresst ist. Durch neurowissenschaftliche Erkenntnisse wissen wir heute: da gibt es einen direkten Zusammenhang.

Wir alle wünschen uns Hunde, die uns gelassen durchs Leben begleiten. Hunde, die sich möglichst so verhalten, wie wir uns das vorstellen. Und die meisten von uns wünschen sich auch, dass die Hunde selbst glücklich sind. Wir kommen also nicht darum herum, über das Thema Stress nachzudenken. Wie schaffen wir es aber, das Stresslevel  unseres Hundes auf einem niedrigen Niveau zu halten, so dass er auch in schwierigen Situationen für uns ansprechbar bleibt?

Mit dem ersten Beitrag der „So-oder-So“-Reihe wollen wir uns mit diesem grundlegenden Thema befassen. Unser Video zeigt zwei unterschiedliche Wege des Umgangs mit dem Hund: der eine erhöht das Stresslevel des Hundes, der andere fördert Gelassenheit. So oder so – welchen Weg wir wählen, das entscheiden wir selbst.

Weiter unten im Beitrag setzen wir uns damit auseinander, was Stress eigentlich ist und wie man es schaffen kann, mit dem Hund ein möglichst gelassenes Leben zu führen …

Was ist Stress?
„Stress“ ist heutzutage in aller Munde und hat einen schlechten Ruf. Dabei ist Stress an sich erst einmal etwas Gutes. Stress – im eigentlichen Sinne – ist eine Anpassungsreaktion des Körpers auf innere und äußere Reize. In gefährlichen Situationen hat diese Anpassungsreaktion schon immer die wichtige Funktion, unser Überleben zu sichern.  Deshalb läuft die Bewertung von potentiell gefährlichen Situationen blitzschnell und unwillkürlich in einem evolutionär sehr alten Bereich des Gehirns ab. Die körperlichen Prozesse, die nach entsprechenden Stressauslösern stattfinden, bereiten den Körper auf passende Reaktionsmuster vor („Kampf oder Flucht“). Das ist ziemlich praktisch, denn wenn wir jede Gefahrensituation erst mal kognitiv analysieren würden, wären wir schon längst nicht mehr da. 😉

Was vom Gehirn jedoch  als „Auslöser“ bewertet wird, ist sehr subjektiv und hängt auch von Wahrnehmungsmöglichkeiten und Erfahrung ab.  Kein Wunder also, dass wir manchmal nicht nachvollziehen können, was genau den Hund beunruhigt. Wir können aber an seinem Verhalten oder seiner Körpersprache erkennen, wenn er Stress hat.

Ein niedriges Stresslevel macht den Körper aktiver und leistungsfähiger. Ist der Stress zu groß oder zu lang anhaltend, kehrt sich dieser positive Effekt ins Gegenteil. Stress wird zum Risikofaktor, wenn ein Mensch oder Tier sehr häufig und ohne ausreichende Erholungsphasen und Bewältigungsstrategien stressauslösenden Situationen ausgesetzt ist. Stress kann durch reale oder gefühlte Bedrohung entstehen, durch Überforderung, aber auch durch Unterforderung (wenn natürliche Bedürfnisse nicht gelebt werden können). Chronischer Stress macht auf Dauer krank. Es können nicht nur körperliche Krankheiten, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Beschwerden des Bewegungsapparates, ein geschwächtes Immunsystem, Allergien entstehen, sondern auch psychische, wie Depressionen und Angst- und Zwangserkrankungen. Auch beim Hund.

Hat mein Hund Stress?
Zuerst einmal müssen wir uns darüber bewusst werden: es ist nicht relevant, wie wir Menschen eine Situation bewerten. Allein das Hundehirn entscheidet, was Stressauslöser ist und was nicht. Das Stresslevel des Hundes wird durch viele innere und äußere Faktoren beeinflusst, auch maßgeblich durch unsere Art des Umgangs mit ihm. Bei „konventionellen Erziehungsmethoden“ mit „Strafe“ und  „Korrektur“ werden die natürlichen Bedürfnisse des Hundes häufig ignoriert, natürliche Verhaltensweisen bestraft, Kommunikationsversuche des Hundes missachtet. Wird ein sensibler Hund immer wieder auf diese Weise von seiner Bezugsperson behandelt, schaltet er vielleicht irgendwann ab und „funktioniert“ im Sinne des Menschen. Ziel erreicht? Manche denken das vielleicht und finden es gut, dass der Hund „so ruhig“ ist, alles tut, was man sagt. Manche fragen aber: „und der Hund? Geht es ihm gut dabei?“

So ein Hund hat immer wieder die Erfahrung gemacht, dass sein Mensch – sein Sozialpartner – auf sein vollkommen natürliches Verhalten mit unangenehmen, teilweise schmerzhaften Maßnahmen reagiert. Natürliche Bedürfnisse darf er nicht ausleben. Der Hund bekommt keine Lösungsstrategie vorgestellt. Er lernt nicht, wie er sich anders – im Sinne des Menschen – verhalten soll. Nur, dass er sich „nicht so“ verhalten darf (wenn ihm das „so“ überhaupt bewusst ist?)  Er erlebt einen Kontrollverlust, das heißt, er hat das Gefühl, die Situation nicht beeinflussen zu können. Also macht er das, was ihm von der Natur für Stress-Situationen mitgegeben wurde, wenn Kampf und oder Flucht nicht möglich sind: „tot stellen“.

Manche Hunde verharren in diesem Zustand, sind schwer zu motivieren, zeigen kein Erkundungsverhalten mehr, trotten unauffällig an der Seite des Menschen durch´s Leben. Sie werden irgendwann vielleicht körperlich krank, weil die Hormone, die der Körper durch den Dauerstress produziert, nicht mehr abgebaut werden können. Es gibt auch Hunde, die rebellieren oder versuchen, ihre unterdrückten Bedürfnisse an anderer Stelle auszuleben … und werden wieder „gedeckelt“. Mir geht dieses Bild durch den Kopf: drückt man einen Ball unter Wasser, bleibt er dort, so lange man Druck ausübt. Lässt man aber los, schießt er unkontrolliert und mit voller Wucht heraus. Wie heftig die Reaktion ist und in welche Richtung sie geht (nach innen oder außen?) kann man schwer vorhersehen.

Man schafft mit dieser Art der Erziehung also neue Probleme, die vermeidbar wären. Und der Hund leidet. Schade. Denn es geht auch anders: ein Zusammenleben mit dem Hund, geprägt durch Empathie, Achtsamkeit und Kreativität.

Empathie.
Seien Sie empathisch und stellen Sie sich ein Hundeleben aus Sicht des Hundes vor. Wir bestimmen, wann Hund fressen darf, wann er schnüffeln und sich lösen darf, wann er raus darf, wann er wieder rein muss und ob und mit wem er sich paaren darf. Unser Hund ist vollkommen abhängig von uns und wird dazu noch durch die „Sprachbarriere“ häufig missverstanden. Wenn wir uns für ein Zusammenleben mit Hund entscheiden, sollten wir wissen, welche Bedürfnisse unser Hund hat und wie wir sie – so gut wie möglich – erfüllen können.
Und wir sollten lernen,  seine Körpersprache zu deuten und seine Stress-Symptome zu erkennen. Lassen Sie es nicht so weit kommen, dass Ihr Hund aufgrund falscher Behandlung „abschaltet“, nicht mehr spielt und erkundet, sondern nur noch „funktioniert“. Oder dass aggressives Verhalten (gegen sich selbst oder andere gerichtet) zu seiner Lösungsstrategie wird.


Achtsamkeit.
Wir sollten achtsam sein für die Bedürfnisse unseres Hundes und sie auf eine Art erfüllen, die natürlich auch die Bedürfnisse des Umfeldes respektiert. Grundbedürfnisse des Hundes sind nach Ansicht moderner Hundeexperten:

  • Regelmäßiges, ausgewogenes Futter,  das auch mal „gratis“ aus dem Napf kommt, Wasser,
  • 17-20 Stunden Ruhe (Welpen und Senioren 1-2 Std mehr) pro Tag,
  • ca. zwei Stunden Spaziergang und geistige Beschäftigung pro Tag, dabei sollten sich kurze Beschäftigungsphasen mit langen Ruhephasen abwechseln. Die Dauer dient jedoch nur als Richtlinie und ist stark abhängig von den individuellen Bedürfnissen und der Tagesverfassung des Hundes. (Das Verhalten des Hundes gibt uns Auskunft darüber)
  • Ausreichend Interaktion mit Sozialpartnern in Form von gemeinsamen Aktivitäten, Spiel, Kuscheln, Körperpflege.
  • Sicherheit und körperliche Unversehrtheit. Es ist alleine unsere Aufgabe dafür zu sorgen.  Das beinhaltet neben der erforderlichen tierärztlichen Behandlung bei Verdacht auf Krankheiten und Schmerzen auch Alltagsthemen.  Es macht – nur als Beispiel – keinen Sinn, mit einem Hund, der nicht zuverlässig bei Fuß bleibt, an einer Straße ohne Leine zu gehen. Das Training sollte so gestaltet werden, dass sich der Hund sicher fühlt. Auf aversive Erziehungsmittel sollte man deshalb besser verzichten. Darunter fallen auch Schreckreize, Leinenrucke und körpersprachliche Bedrohung.

Nicht vergessen sollten wir die rassespezifischen und individuellen Bedürfnisse. Unsere Hunde wurden und werden züchterisch auf bestimmte Fähigkeiten und für bestimmte Aufgaben selektiert. Die daraus resultierenden individuellen Bedürfnisse sind ebenfalls zu berücksichtigen, damit Hund ein ausgeglichenes Leben führen kann. Das betrifft übrigens nicht nur „Rassehunde“ sondern auch deren Mischungen. Auch sind nicht alle Hunde einer Rasse „gleich“ – es gibt durchaus Unterschiede.

Wir sollten auf jeden Fall „Hündisch“ lernen, um die Körpersignale, die der Hund aussendet, verstehen zu können. Stressanzeichen können z.B. sein: geduckte Körperhaltung, Hecheln, Zittern, „Lachgesicht mit Falten“ (langgezogene Mundwinkel), Ohrenstellung „nach hinten hängend“, „ausweichendes“ Verhalten wie z.B. Schnüffeln, Gras fressen, Wälzen*  Das ist deshalb wichtig, da man nicht immer auf den ersten Blick erkennt, wenn Hund sich unwohl fühlt oder Stress hat. Nicht jeder Hund reagiert mit auffälligem Verhalten. Es gibt unterschiedliche Stresstypen: während der eine  aktiv wird (Kampf oder Flucht), reagiert der andere mit passiven, abwartendem Verhalten.

Kreativität.
hilft, wenn wir unser Zusammenleben mit dem Hund ganz bewusst gestalten. So wie es gut für ihn und auch für uns ist. Hier ein paar Anregungen:

  • Wir können unseren Alltag so strukturieren, dass die Grund- und Individualbedürfnisse des Hundes erfüllt werden. Spazierengehen, soziale Kontakte und geistige Auslastung lassen sich z.B. wunderbar kombinieren. Es kommt nicht so sehr auf „Strecke“ an, sondern auf „Qualitätszeit“.  Außerdem sorgen wir für ausreichende Entspannungs- und Ruhephasen.
  • Wir können dem Hund Sicherheit geben, indem wir für ihn souveräne, verlässliche Bezugsperson sind. Das heißt: wir bemühen uns, klar und konsequent, mit vorher trainierten Signalen zu kommunizieren.  Wir kündigen unsere Aktivitäten an (z.B. Trainieren, Spazieren gehen, körperliche Berührung, Alleine lassen, Ruhepausen) Wir gestehen dem Hund zu, seine Bedürfnisse zu zeigen und gehen darauf ein. Wenn der Hund z.B. knurrt, ist das seine Art, zu sagen: ich brauche Abstand. Wir respektieren das erst einmal und denken später darüber nach, wie wir die Situation so trainieren, dass der Hund damit zurecht kommt.
  • Wenn wir beobachten, dass der Hund überfordert ist, „zwingen wir ihn nicht da durch“, sondern überlegen, wie wir die Situation so gestalten können, dass sie vom  Hund gut bewältigt werden kann. Wir sorgen dafür dass er kein eskalierendes Verhalten zeigen muss, sondern trainieren mit ihm auf einem emotionalen Level, das es ihm erlaubt sich so zu verhalten, wie wir es uns ja auch von ihm wünschen: sicher und gelassen! Genauso helfen wir einem Hund, bei dem wir das Gefühl haben, dass er sich „in sich zurückzieht“,  der „abschaltet“ und an der Welt um ihn herum nicht teilhaben möchte. So ein Hund wirkt zwar ruhig, ist es aber nicht – er leidet, wie man mit geschultem Blick erkennen kann.
  • Lassen wir doch ab- und zu den Hund entscheiden. Uns bricht kein Zacken aus der Krone, wenn der Hund mal den Weg aussucht oder wenn wir stehen bleiben,  wenn er schnüffeln will. Es ist in Ordnung, wenn er keinen Kontakt zu einem andern Hund haben möchte. Es gibt keinen Grund, dass er jeden mögen muss. So wie wir auch nicht
  • Wir reflektieren uns und unser Verhalten. Strahlen wir Ruhe aus oder fördern wir seine Aufregung noch durch unser hektisches Verhalten oder unsere innere Unruhe?
  • Und ja. Wir müssen dafür sorgen, dass Hunde unsere menschlichen Regeln einhalten – aber nicht in der Rolle eines Despoten, sondern in der eines verlässlichen Sozialpartners. Wir zeigen dem Hund auf freundliche Art, welches Verhalten wir uns wünschen. Diese Information geben wir nicht, wenn wir strafen. Nur wenn er verstanden hat, was wir von ihm erwarten, kann er sich unseren Wünschen entsprechend verhalten. Wenn Beziehung, Training und Erregungslevel passen, tut der Hund gerne, was wir uns wünschen.  Und so lange er das nicht verstanden hat, betreiben wir „Management“. Wir verhindern damit präventiv, dass der Hund das unerwünschte Verhalten zeigen kann. (z.B. Schleppleine dran – solange kein sicherer Rückruf trainiert wurde. Weitere Beispiele werden wir in den noch folgenden  „So-oder-So“-Videos zeigen)

Das alles erfordert von uns Hundemenschen einiges an Einfühlungsvermögen, Wissen, Beobachtungsgabe und Kreativität. Die Natur hat uns  Menschen die notwendigen kognitive Fähigkeiten geschenkt. Die sollten wir nutzen. 😉 Und kommt man alleine nicht weiter, hilft ein emotional positiv arbeitender Trainer…

Im nächsten Beitrag unserer „Happy-Rosenheim-Dogs“ Beitragsreihe werden wir uns ein typisches Alltagsbeispiel etwas genauer ansehen: So oder so: Bellen am Fenster
Bis dahin:  Stay calm and love your dog ❤

*Zum Weiterlesen:

  • „Schreck lass nach: Der Einfluss von Stress und Angst auf Gehirn und Verhalten“ von Dr. Ute Blaschke-Berthold, Heike Westedt
  • DVD „Das Kleingedruckte in der Körpersprache des Hundes“, Dr. Ute Blaschke-Berthold