Wissenswertes

Ich wünsche mir mehr Wattebauschmenschen.

Wenn ich mit anderen Hundemenschen über modernes, freundliches, Hundetraining spreche, erlebe ich häufig ein ratloses Schulterzucken, verbunden mit der Frage: „Aber wie soll ich dem Hund denn mit Leckerlies seine Grenzen aufzeigen?“

Ganz einfach.

Indem man zuallererst aufhört an,  „Grenzen aufzeigen“ zu denken.

Ich formuliere es lieber so: „Regeln vermitteln“. Das schafft von vornherein schon eine ganz andere innere Haltung dem Hund gegenüber und bewirkt eine lösungsorientierten Denkhaltung. Denn dann überlege ich mir: Was will ich denn eigentlich? Was soll der Hund tun. Anstatt mir also zu wünschen, dass der Hund „keine Menschen anspringen soll“ oder „im Wald nicht außer Sicht abzischen soll“, formuliere ich für mich zum Beispiel: „Mein Hund soll bei der Begrüßung alle Pfoten am Boden lassen und dabei ruhig und freundlich mit der Rute wedeln.“ oder „er soll beim Waldspaziergang auf dem Weg bleiben.“ Und schon habe ich ein positives Bild im Kopf: wie das Verhalten aussieht, das der Hund in dieser Situation zeigen soll.

Klar. Damit ist mein Ziel noch nicht erreicht. Der nächste Schritt ergibt sich aber von selbst, wenn ich mich mit den Lerngesetzen auseinandergesetzt habe – was aus meiner Sicht jeder tun sollte, der Hunde oder andere fühlende Lebewesen trainiert bzw. „erzieht“: ich fördere und belohne das Verhalten, das ich mir wünsche. Ich „forme“ es mit Hilfe des  Markersignals. Das erfordert manchmal etwas Geduld und etwas Selbstreflexion. 😉 Aber es lohnt sich. Denn dass Training über ‚positive Strafe‘ im Sinne der Lerntheorie aus verschiedenen Gründen meist wenig hilfreich ist, sollte mittlerweile bekannt sein. Und was macht es eigentlich für einen Sinn, den Hund in ein unerwünschtes Verhalten rennen zu lassen, nur um ihn dafür zu strafen? Das erzeugt Stress bzw Frust und somit wird aufgeregtes bis „schlechtes Verhalten“ wieder gefördert. Wer das mag – bitteschön. Mir wäre das zu aufreibend und unvergnüglich und es entspricht in keiner Weise meinen Werten und Zielen. Und Strafe deckelt das Verhalten nur. Der Grund, weshalb es der Hund es gezeigt hat, bleibt bestehen. Langfristig kann also nur wirksam sein, den Hund einen anderen, besseren Umgang mit Reiz/Auslöser des Verhaltens zu vermitteln.

Es ist doch viel angenehmer für Mensch und Hund, gutes Verhalten zu fördern und zu belohnen. Das schafft eine positive Stimmung, baut Vertrauen auf und macht allen Beteiligten Spass. Und ist zielführend. Denn mit Spass lernt sich’s besser – das ist neurobiologisch abgesichert. Außerdem: „unerwünschtes Verhalten abstellen“ bedeutet doch nichts anderes, als ein neues Verhalten zu lernen, oder? Also ist es doch viel effizienter, gleich an diesem Punkt anzusetzen.

Wie das umgesetzt werden kann, beschreibt Claudia Paxmann-Wasmuth in einem interessanten Beitrag „Positiv Grenzen setzen – wie geht das?“ auf Hey-Fiffi.com. Sie schreibt: „…Wenn wir uns an die Gesetze des Lernens halten, ist diese Methode tatsächlich sehr einfach. Dem Hund wird das Leben innerhalb der für ihn festgelegten Grenzen so attraktiv gemacht, dass er von sich aus entscheidet, diese einzuhalten…“ 
Sie wählt den Begriff „Proaktiv Grenzen setzen“ – der mit alternativ auch gut gefällt. Sprich: ich handle als Mensch BEVOR der Hund unerwünschtes Verhalten zeigt. Entweder durch Management oder durch positive Verstärkung des (in diesem Moment noch) erwünschten Verhaltens.

Wer nicht vertraut ist mit der Theorie des Lernens oder sein Wissen auffrischen/ergänzen möchte, dem möchte ich außerdem den Artikel „Positive Bestärkung – ein Guide“ der Hundetrainerin Sunny Benett und den Besuch einer guten, sorgfältig ausgewählten und ausschließlich positiv arbeitenden Hundeschule empfehlen. Denn das Wissen im Alltag umzusetzen ist nicht immer einfach, wie ich aus eigener Erfahrung weiß.

Ich wünsche Euch eine fröhliche, entspannte Zeit mit Euren Hunden. Und lasst Euch nicht irritieren von Menschen, die Euch als „Wattebauschwerfer“ abwerten wollen. Sie wissen und können es im Moment einfach noch nicht besser. ❤

Was tun, wenn der Hund mal wieder „Chef sein will“?

Stur, dominant oder einfach unverstanden?

„Der ist heute aber mal wieder stur“. Hast Du Dir das auch schon mal gedacht wenn sich Dein Hund nicht so verhält, wie Du das gerne hättest? Oder hat Dir vielleicht jemand gesagt, Dein Hund möchte „der Chef sein“ oder Dein Hund sei „dominant“  – Du müsstest ihm nur mal zeigen, wer der Boss ist?

Solche Äußerungen beruhen auf einem veralteten Bild über Hunde. Sie sagen nur etwas über Wissenstand und/oder Einstellung des Menschen aus, die so etwas von sich geben. Nach allem was man heute weiß, halte ich es für ein Paradebeispiel für Vermenschlichung, dem Hund Machtstreben zu unterstellen.

Der Verhaltensbiologe und Leiter des ethologischen Instituts und des Family dog projects an der Universität Budapest, Ádám Miklósi schreibt dazu in seinem neusten Buch: „… Die Vorstellung, dass der Halter nur Anführer oder Gefolgsmann sein kann ist mit der Kooperation unvereinbar. Diese kann nur auf einer effektiven Bindung und einem von Vertrauen geprägten sozialen Umfeld aufbauen. … „ [1]

Wenn der Hund nicht tut, was man möchte, wäre es da nicht viel fairer und beziehungsstärkender, sich eine wohlwollende Haltung zu bewahren und der Sache auf den Grund zu gehen? Geht es dem Hund gut oder kann er aufgrund von Schmerz oder Stress nicht tun, was wir von ihn erwarten? Versteht er vielleicht nicht, was wir von ihm wollen?

Hund und Mensch kommunizieren sehr unterschiedlich, bevorzugen unterschiedliche Sinnesorgane, um Informationen über ihre Umwelt zu erhalten. Auch das, was dem Hund wichtig ist, unterscheidet sich in vielen Situationen, was sich zwangsweise auch darauf auswirkt, was er wahrnimmt.

Jeder, der schon einmal im fremdsprachigen Ausland war, sollte nachvollziehen können, wie schwierig die Kommunikation mit einem sprachlich und kulturell anders geprägten Menschen sein kann. Manchmal reicht sogar schon ein Ausflug in ein anderes Bundesland um kommunikationsbedingte Herausforderungen zu erleben. 😉
Und wir erwarten ernsthaft, dass unser Hund immer versteht, was wir von ihm wollen? Bevor wir ihn also als „lernunwillig“, „stur“ oder „dominant“ abstempeln – sollten wir uns an der eigenen Nase packen.

Wo liegt der Fehler? Haben wir uns für den Hund verständlich ausgedrückt? Versteht er, was unsere menschlichen Worte und Gesten bedeuten? Und welche Rolle spielt unsere Körpersprache bei der Kommunikation mit dem Körpersprachler Hund?

Einige Antworten auf diese Fragen und auf welche Feinheiten es bei der Mensch-Hund-Kommunikation ankommt, erfahren wir in diesem spontanen, sympathischen und sehr informativen Wohnzimmergespräch zwischen Sonja Meiburg und Carolin Hoffmann. Die beiden erfahrenen Hundetrainerinnen gehören der Initiative „Trainieren statt dominieren“ an, die für gewaltfreies Hundetraining auf Basis der neuesten verhaltenswissenschaftlichen Erkenntnisse steht. So wie Hundetraining heutzutage sein sollte.
Hier geht’s zum Video: Kommunikation Mensch-Hund (Interview)

 

 

[1] Quelle: Ádám Miklósi: Der HUND. Geschichte, Biologie, Rassen. Haupt-Verlag Bern, 2018, S. 75

Vortrag Dr. Ute Blaschke-Berthold: ‚Kastration bei Verhaltensproblemen‘

Dr. Ute Blaschke-Berthold ist am 27. April 2018  in unserer Region und spricht über das Thema ‚Kastration bei Verhaltensproblemen‘.  Diese Gelegenheit sollte man sich als hundeinteressierter Mensch auf keinen Fall entgehen lassen.  Aus jedem einzelnen ihrer Seminare und Vorträge habe ich eine Fülle von fundiertem Wissen und Ideen für den Alltag mitgenommen.

Weiter Informationen gibt es auf der Seite der Hundeschule Dogs-Connection:
https://www.dogs-connection.de/index.php/component/dpcalendar/event/19

 

Verstehen Hunde unsere Worte?

Eine in dieser Woche veröffentlichte wissenschaftliche Studie des „Familiy dog Projects“ der Eötvös Lorand Universtität in Budapest untersuchte mit Hilfe von bildgebenden Verfahren wie das Hundegehirn menschliche Sprache verarbeitet:

Dog brains process both what we say and how we say it

Das Ergebnis zeigt, dass die Verarbeitungsprozesse im Hundegehirn den menschlichen sehr ähneln: Auch Hunde nutzen die linke Hemisphäre, um sinnvolle Worte zu verarbeiten. Bei sinnlosen Wortkombinationen zeigte sich hier keine Aktivität. Die Sprachmelodie – belohnend oder nicht belohnend – wird getrennt davon in der rechten Gehirnhälfte verarbeitet. Das Wissenschaftlerteam stellte außerdem fest, dass Lob das Belohnungszentrum im Gehirn des Hundes aktiviert. Dabei handelt es sich um die Gehirnregion, die auf alle Arten angenehmer Anregung (z.B. Futter, Streicheln) reagiert. Dies passierte jedoch nur dann, wenn Hunde sinnvolle Lobworte hörten, die in einer lobenden Sprachmelodie ausgesprochen wurden. Beides muss also stimmen – Inhalt und Sprechmelodie – damit ein Lob beim Hund wirkt.
Diese Studie ist ein erster Schritt um zu verstehen wie Hunde die menschliche Sprache interpretieren. Diese Ergebnisse helfen, die Kommunikation zwischen Hund und Mensch zu optimieren.

Dieses Video des „Family Dog Projects“ fasst Die Ergebnisse zusammen:

 

Alter Hund – was nun?

alterHundEin Beitrag von Dr. Janey Heine, Hundeschule Dogs-Connection,  was sich ändert, wenn der Hund in die Jahre kommt und wie man im Mehrhundehaushalt im  Alltag jungen und alten Hunden gerecht werden kann ….

Aus Jung… wird Alt.
Da sieht man in die Knopfaugen eines zuckersüßen Welpen und die eigenen Kinder wollen ja schon so lange einen Hund… das Herz wird weich bei diesem süßen Blick…
und kaum jemand macht sich Gedanken über die Zeit später. Später, wenn das Alter auch beim Hund ganz natürlich zuschlägt.
Viel zu oft bekomme ich traurige Geschichten mit, wie alte Hunde abgeschoben werden, weil sie nicht mehr in den bequemen Alltag passen. Eine aktuelle Geschichte, ganz kurz vor dem Fest der Liebe, jedoch an Grausamkeit kaum zu überbieten, bringt mich dazu diese Zeilen zu schreiben.
Bitte bedenkt, dass auch unsere Hunde alt werden, mit all den natürlichen Erscheinungen des Alters, wie beim Menschen auch. Wer sich dieser Aufgabe nicht gewachsen sieht, sollte bitte auch keinen Hund aufnehmen. Denn gerade in dieser Zeit brauchen sie uns, mit viel Liebe, Ruhe und Verständnis! Wir sind alles was sie dann noch haben.
Und eines sollten Erwachsene niemals vergessen: Ihr seid die Vorbilder für eure Kinder, schiebt ihr einen Hund ab, oder wollt ihn gar einschläfern lassen, nur weil er Urin in der Wohnung verliert… bedenkt, dass auch ihr evtl. von den eigenen Kindern abgeschoben werdet, ihr habt es ihnen ja so gezeigt!!!….Und insgeheim wünschen ich es mir für so manchen von euch.

Wenn Hunde alt werden….
Das Älterwerden von Hunden habe ich schon als Kind mitbekommen, damals hatten wir aber immer nur einen Hund, man konnte sich also auf die veränderten Ansprüche und Bedürfnisse einstellen. Und ich bin zutiefst dankbar, dass meine Eltern mir vorgelebt haben, was es heißt ein altes Tier zu begleiten. Mit allen Erscheinungen, die da kommen. Aber sie haben mir gezeigt, dass man das mit Liebe und Achtung bis zur letzten Sekunde tut!

Ich lebe nun mit einem bunt gemischten Rudel zusammen und ein Senior sticht aus unserem Alltag heraus. Ich habe einiges an Überlegungen, Zeit zum Reflektieren und auch emotionale Kraft für die Umstellung unseres Alltags gebraucht. Aber nun läuft alles rund und ich fühle mich wohl damit, so dass ich darüber berichten kann. Es hilft vielleicht dem ein oder anderen…
Senioren gehen es gemütlicher an. Sie schnuppern viel länger, laufen langsamer, Nicky liebt es noch viel mehr als früher, sich alle paar Meter ins Gras zu werfen und sich zu wälzen, sie bleibt dann auch gerne einfach liegen und schaut in der Welt umher. Da brauchen die Jünglinge schon ganz schön gute Nerven, dauernd werden sie zurückgerufen, evtl. sogar an der Leine gehalten, weil so viel Langsamkeit Zeit für Unfug gibt…. Für mich war schnell klar, ich muss den Jungs beibringen, dass viel Schnuppern und sehr langsames Gehen auch Spaß macht. Etabliert habe ich das mit 5m Schleppleinen und vielen Futtersuchen. Natürlich kann ich das nicht mehrmals am Tag verlangen, und auch nicht jeden Tag. Aber gemeinsame Spaziergänge sind so eben möglich, ohne dass man den Senior dauernd zum schneller Laufen anstacheln muss, oder die Jünglinge zur Ruhe bringen muss. Das halten die Nerven nicht lange aus.Den Senior immer zu Hause lassen, schafft emotional niemand sehr lange. Den Blick konnte ich mir nicht oft antun. „Ey, ich gehöre dazu, was soll das!“ Das Gute ist, Nicky ist am Morgen noch sehr verschlafen und möchte am liebsten einfach noch liegen bleiben. Genau diese Zeit nutze ich, um mit den Jungs mit dem Fahrrad oder den Laufschuhen loszuziehen. Dann machen wir Dummytrainings im Wald, oder wetzen einfach durch die Gegend. Wenn wir zurück kommen ist Nicky bereit für den Tag, die Jungs ausgepowert und wir können eine gemütliche Runde zusammen gehen. Alle gemeinsam. So wie Nicky es liebt!
Auch mein Hundeschulalltag musste umgestellt werden. Nicky braucht recht genaue Fütterungszeiten, ihr Magen findet Hunger nicht mehr so toll; öfter am Tag im Auto oder gar am Hundeplatz auf dem Boden zu liegen machen ihre Knochen nicht mehr mit. Schmerzmittel in den Hund stopfen, um die Zeiten so wie früher beibehalten zu können, kam für mich aber nicht in Frage. Also habe ich andere Stundenpläne ausgearbeitet, meine Einzelstunden anders gelegt…. Und bin dafür nun jeden Tag länger unterwegs, damit die Pausen dazwischen passen und die Hunde mehr in der heimischen Kudde ruhen können. Auch hier musste ich mit dem Rudel wieder trainieren, denn immer mal wieder brauche ich einen Cotrainer für Einzelstunden, dann nehme ich aber nur einen der Hunde mit, der Rest der Bande muss zu Hause warten und das soll kein Stress bedeuten. Also wurde mit vielen Entspannungsritualen und Kauartikeln gearbeitet. Nun klappt auch das… meistens.

Emotional war für mich am schwersten, Wanderungen, Bergtouren und lange Ausflüge ohne Nicky zu planen. Sie schafft das nicht mehr, der Rest der Familie soll aber nicht darauf verzichten. Natürlich findet sie es nicht toll, wenn sie bei Oma geparkt wird und wir wieder abhauen, aber auch hier findet man schnell Rituale, die für alle praktikabel sind. Ich bringe Nicky zum Beispiel vor dem Sachen zusammenpacken weg, dann bemerkt sie gar nicht, um was es geht. Und Leckerlis warten bei Oma ja eh immer, dann sogar private Streicheleinheiten, ohne dazwischendrängelnde Jünglinge.
Auch im Training muss man genau beobachten und auf den Senior eingehen. Viel mehr Motivation wird gebraucht, viel mehr Pausen. Klar geplantes Training gibt es nicht mehr, sie bestimmt auf was sie gerade Lust hat. Aber einbezogen wird sie, das ist Ehrensache, sie liebt ihr Fitnesstraining, egal ob für die Muskeln, die Nase oder das Oberstübchen…

So wird klar, dass ein Rudel verborgene Aufgaben für einen hat, die erst nach Jahren auf einen zukommen. Wer macht sich da schon genauer Gedanken, wenn er sich mehrere Hunde anschafft!?
Die Tagesumstellung hat uns viel Kraft gekostet, Organisation und auch Willen, aber nun hilft es uns. Mir zum Beispiel auch dabei, klare Grenzen zu meiner Arbeit zu schaffen, ich brauche mehr Zeit für mein Rudel als früher und die nehme ich mir!
Abstellgleis gibt es bei uns nicht, jeder wird hier gefordert und gefördert.